Donnerstag, 28. Oktober 2010
Der Fischer und das Gold des Meeres
gelopo, 12:05h
Der Fischer und das Gold des Meeres
Am Strand in einem kleinen Ort an der Ostsee steht eine alte mit Stroh gedeckte Fischerkate. Im Sand einer Düne stehen noch Pfähle, an denen der Fischer seine Netze zum Trocknen aufgehängt hat. Vor der Tür steht eine Bank von der man bei schönem Wetter den abendlichen Sonnenuntergang beobachten kann. Bei einem Spaziergang am Abend kommen wir an der Bank vorbei. Wir setzen uns, um das Schauspiel des abendlichen Naturtheaters zu beobachten. Die Sonne, die als roter Ball langsam hinter den Horizont versinkt, färbt den Himmel von blass rosa über purpur und dunkelrot zu einem verzauberten Szenario. Das Wasser der Ostsee verwandelt sich im Spiegelbild des Sonnenlichts scheinbar zu einem Meer aus Gold. Mir fällt bei diesem Hintergrund die Geschichte von dem Fischer und seiner Frau ein. Ein verzauberter Fisch, den der Fischer gefangen, dann aber wieder frei gegeben hat, erfüllt ihm seine Wünsche. Der Ehrgeiz und die Habsucht seiner Frau bringen den Fischer dazu, von dem verzauberten Fisch immer wieder neue Forderungen abzuverlangen, bis die beiden, der Fischer und seine Frau, denn doch wieder in ihrer alten Fischerkate sitzen. Dieses Märchen kann heute anders erzählt werden.
Der Fischer sitzt auf der Bank vor seiner Kate und raucht seine Pfeife, er sieht, wie der Himmel das Wasser in das abendliche Gold verwandelt. “Schön wäre es, wenn ich mit meinen Netzen dieses Gold einfangen könnte“, sagt er zu seiner Frau. “Du träumst“, erwidert ihm spöttisch seine Frau. Im abendlichen Gegenlicht erscheint die Landschaft mit ihren Bäumen, Büschen und Tieren nur in Silhouetten und Konturen. Dem Fischer kommt es vor, als stehe am Ufer der Ostsee eine riesige Gestalt, die auf das flüssige Gold zeigt. Der Wind flüstert ihm mit den raschelnden Blättern der Bäume zu: “Hol es dir.“
Früh am anderen Morgen fährt er mit seinem alten Kutter zum Fische fangen aufs Meer, wie jeden Tag. Der Himmel ist wolkenverhangen, es regnet. Er legt seine Netze aus. Der Wind bläst ihm kalt ins Gesicht. “Wenn jetzt Gold in meinem Netz wäre“, denkt er beim Einziehen seines Netzes. Plötzlich zerrt es an seinem Netz. Hat sich ein Wal sich in seinem Netz verfangen und kämpft um seine Freiheit? Ein Wal ist zu groß, um vom Fischer gefangen zu werden. Bei dem Versuch, das Netz zu bergen, bekommt er einen Schlag an den Kopf. Er fällt besinnungslos auf das Deck seines Fischkutters.
Im Traum begegnet er Neptun. Der drückt ihn mit seinem Dreizack auf das Deck seines Bootes. Neptun schreit ihn an: “Was macht ihr Menschen mit uns?“ Der Fischer stammelt nur: “Ich wollte doch nur ein paar Fische fangen, damit meine Frau und ich etwas zum Essen haben. Es sind ja ohnehin nicht mehr viele Fische in unserer Bucht.“ Neptun schaut ihn böse an: “Eure Bucht, euer Meer, eure Welt! Ja glaubt ihr denn, alles, was ihr seht, gehört euch alleine? Alle Schätze dieser Welt nehmt ihr euch und zerstört dabei die Grundlagen für das Leben auf dieser Welt.“ Neptun nimmt den Dreizack von seiner Brust: “Dein guter Wille, mich vom Netz zu befreien, bringt mich dazu, dir dein Leben zurückzugeben.“
Der Fischer wacht auf, er liegt auf dem Deck seines Kutters, der führungslos auf den Wellen schaukelt. In dem zerrissenen Netz zappeln ein paar Fische, es reicht gerade für ein Abendessen mit seiner Frau. Er sammelt die Fische ein und verstaut das Netz. Da das Netz zerrissen ist, kehrt er mit dem geringen Fang zurück.
Während des Abendessens erzählt er seiner Frau von seinem Unglück und von seinem Traum. “Na ja“, sagt seine Frau, “es ist ja auch wahr, was Neptun dir da gesagt hat. Dass immer weniger Fische in der Bucht sind, muss ja auch Gründe haben. Wenn du morgen wieder zum Fische fangen hinaus fährst, frag Neptun, was wir tun sollen, damit in der Bucht wieder mehr Fische leben können.“
Am nächsten Morgen fährt er wieder aufs Meer. Das Wetter ist etwas freundlicher als am Tag zuvor. Er legt seine Netze aus. Einige Zeit später kommt ein hässliches, graues Boot der Bundesmarine längsseits. “Hallo, ist da jemand an Bord?“ tönt es vom Marineboot zum Kutter hinüber. “Ja, was gibt es?“ fragt der Fischer. “Wir haben gestern ein Versuchstorpedo verloren. Es könnte sein, dass es sich in Ihrem Netz verfangen hat und dann auf Grund gesunken ist. Haben Sie etwas bemerkt?“ fragt die Stimme vom Marineboot. Der Fischer wird angesichts der Frage ärgerlich. Er antwortet: “Das verdammte Ding hat mir mein Netz zerrissen, und bei der Bergung habe ich einen Schlag an den Kopf bekommen, so dass ich einige Zeit besinnungslos an Deck gelegen habe. Wer bezahlt mir eigentlich den Schaden? Es war hier ganz in der Nähe, vielleicht hundert Meter weiter zum Ufer.“ Vom grauen Boot der Marine antwortet die Stimme: “Innerhalb des mit den Warntonnen gekennzeichneten Gebietes dürfen Sie keine Fischnetze auslegen. Es gehört zur Torpedoversuchsanlage der Bundeswehr. Eine Entschädigung können Sie nicht erwarten. Im Gegenteil, es könnte sein, dass noch Forderungen der Bundeswehr wegen der gestrigen Störung auf Sie zukommen.”
Der Fischer zieht ärgerlich sein Netz an Bord und fährt zu einem anderen Fanggrund. Er legt erneut sein Netz aus. Sitzend auf einem Schemel schläft er ein. Im Traum erscheint Neptun wieder. Neptun ist ihm etwas besser gesonnen als am Tag zuvor: “Was treibt dich in dieses Gebiet, hier habe ich dich noch nie gesehen?“ – “Man hat mich vertrieben aus dem Gebiet, in dem schon mein Vater und mein Großvater gefischt haben,“ klagt der Fischer. “Die Marine hat dort eine Versuchsanlage für Torpedos eingerichtet. Die Fische sind offenbar auch vertrieben worden. Von meiner Frau soll ich fragen, was wir machen müssen, damit wieder mehr Fische in das Meer kommen.“

Neptun stößt mit seinem Dreizack vor sich in die Luft: “Ihr Menschen seid vernunftbegabte Wesen. Die Einsicht über die Beschaffenheit der Welt hat euch ermöglicht, die Welt zu verändern. Diese Einsicht ermöglicht euch auch, die Welt so zu gestalten, dass alles Leben auf der Erden erhalten bleibt und alle Lebewesen ihrer Art entsprechend leben können. Ihr müsst euch wehren gegen die Dummheit der machtbesessenen Menschen.“
Der Fischer macht ein ängstliches Gesicht und fragt: “Aber wie? Die Politiker, die unsere Gesetze machen, sind verbündet mit den Bank- und Konzernmanagern, sie haben die Macht.“ Neptun sieht ihn böse an: “Die Macht, die Welt nach ihrem Willen zu verändern, haben sie sich einfach genommen. Die Menschen müssen lernen, die Welt vernünftig zu gestalten. Die Interessen habgieriger und machtbesessener Menschen dürfen nicht länger die Welt zerstören“, antwortet Neptun dem Fischer und taucht ab in sein Reich.
Als der Fischer erwacht, holt er sein Netz ein. Die Fische werden geschlachtet und in die mit Eis gefüllten Fischkisten gelegt. Der Fischer fährt zurück zu seiner Frau. Zu Hause werden die Fische für den Verkauf vorbereitet. Bei der Arbeit erzählt er seiner Frau, was Neptun ihm gesagt hat.
“Wenn du zur Genossenschaft fährst, um die Fische zu verkaufen, triffst du dort viele Kollegen. Erzähle ihnen doch einfach deinen Traum von Neptun“, schlägt seine Frau vor. Dem Fischer gefällt der Vorschlag nicht: “Die lachen mich sicherlich aus. Außerdem gibt es doch genug Ärger mit unserer Genossenschaft, wir haben sicher nur Nachteile, wenn wir uns gegen den Genossenschaftsvorstand auflehnen. Du weißt doch, dass die großen Verkaufsketten unserem Vorstand schon einmal gedroht haben, sie würden die Fische woanders kaufen, wenn wir Forderungen stellen.“
Dem Fischer ist überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken, seinen Kollegen die Geschichte von Neptun zu erzählen. Seine Frau macht ein zorniges Gesicht und sagt zu ihm: “Wenn du nicht bereit bist, dich mit deinen Kollegen für eure Interessen einzusetzen, dann werden sich die Verhältnisse nie zum Besseren verändern.“
Als der Fischer in der Geschäftsstelle der Genossenschaft ankommt, ist dort eine heftige Diskussion im Gange. Die Fischer sind empört. Die Fangerlöse sollen, wegen der angeblich schlechten Qualität der Fische, gekürzt werden. “Auf der einen Seite wird nichts unternommen gegen die Verschmutzung der Meere, die ja die Ursache der schlechteren Qualität der Fische ist, auf der anderen Seite sollen wir die Folgen tragen“, sagt ein Kollege des Fischers, der ganz in seiner Nähe steht.
Der Fischer wirft seine Bedenken über Bord und erzählt seinen Kollegen seinen Traum. Die Kollegen des Fischers haben aufmerksam der Erzählung des Fischers zugehört. Am Ende finden alle die Forderung von Neptun richtig. “Wir gründen eine Bürgerinitiative gegen die Verschmutzung der Meere“, ruft einer aus der Menge. Ein anderer ruft: “Wir müssen aber auch die großen Konzerne, die riesige Gewinne machen, dazu zwingen, dass sie sich an unseren Verlusten beteiligen. Außerdem sollen sie den Schaden, den sie in der Natur angerichtet haben und immer noch anrichten, beseitigen.“
Ein großes Gelächter erfüllt den Raum: “Kalle, wie willst du die großen Konzerne zu etwas zwingen? Sie haben mit ihrem vielen Geld die Möglichkeit, jede Initiative von uns zu unterdrücken“, antworten einige skeptische Fischer. Kalle entgegnet: “Mit Geld kannst du nur etwas kaufen. Wir haben ihnen bisher nicht nur unsere Fische verkauft, sondern wir haben, ohne dass wir es merkten, uns selber mit verkauft. Das muss aufhören.“
Nachdenkliche Gesichter schauen ihn an. “Wie meinst du das: wir haben uns mit verkauft?“ Kalle macht ein nachdenkliches Gesicht: “Ja, wie ist das eigentlich so gekommen, dass wir uns ausgeliefert haben? Früher haben wir unsere Fische selber auf den Wochenmärkten oder an Fischgeschäfte verkauft. Dann kamen die Fischfabriken und die großen Handelsketten, die immer größere Mengen Fische kauften, die wir einzelnen Fischer ihnen nicht mehr liefern konnten. Wir haben Genossenschaften gegründet, um unsere Fänge gemeinsam zu verkaufen. Mit dem Geld, das sie mit dem von uns gefangenen Fisch verdienten, konnten sie Reedereien gründen, die mit großen Fischdampfern wesentlich mehr Fische fangen konnten als wir mit unseren Kuttern. Mit der Zeit wurden die Fischbestände durch den Raubbau im Meer immer geringer und wir konnten nicht mehr so viele Fische fangen, um uns damit zu ernähren. Viele Fischer mussten aufgeben und fuhren auf den Fischdampfern zum Fischen.“
Ein älterer Mann, der mit Interesse die Diskussion angehört hatte, mischt sich in das Gespräch ein: “So ähnlich ging es uns kleinen Bauern auch. Um unsere Ernteerträge zu steigern, mussten wir von der chemischen Industrie teure Düngemittel und teures Saatgut kaufen und teure Maschinen kamen hinzu. Um das alles zu bezahlen, wurden Schulden gemacht und Ernten verkauft, die noch auf dem Halm standen. Viele Bauern mussten aufgeben und Haus und Hof verkaufen. Die Industrie wurde immer größer, die reichen Gutsbesitzer und Großbauern profitierten von unserem Elend und kauften unser Land. Die kleinen Bauern und Hilfskräfte in der Landwirtschaft hatten wegen der Industrialisierung in der Landwirtschaft keine Arbeit mehr. Sie müssen ihr Geld in den großen Industriebetrieben verdienen.“
Ein Arbeiter, der in der Nähe eine Maschine repariert, stellt sich zu der Diskussionsgruppe und sagt: “Wir Arbeiter mussten schon immer mit unserer Arbeitskraft auch uns selbst an die reichen Fabrikbesitzer verkaufen. Sie bestimmen, wie lange wir arbeiten, unter welchen Bedingungen wir arbeiten, welchen Lohn wir für unsere Arbeit bekommen und welche Güter mit unserer Arbeit erzeugt werden. Wir haben uns in Gewerkschaften zusammengeschlossen, um gemeinsam unsere Interessen zu vertreten. Aber wir haben dabei nur erreicht, dass unsere Löhne ab und zu erhöht und unsere Arbeitsbedingungen verbessert wurden, leider gibt es in unserer Gewerkschaft auch so etwas wie Korruption, und so sind die Kämpfe um richtige Mitbestimmung gescheitert. So müssen wir weiterhin Waffen, giftige Düngemittel und die Umwelt belastende Dinge herstellen.“
Kalle meldet sich zu Wort: “Kollegen, wir müssen einen Aufruf zu einer großen Versammlung veröffentlichen. Damit wir uns in einer Initiative organisieren.“ Das allgemeine Interesse ist wieder erloschen. Die Kollegen gehen auseinander, die Versammlung löst sich auf. Auch unser Fischer fährt zurück zu seiner Frau. Als der Fischer seiner Frau von dem Ereignis bei der Geschäftsstelle der Genossenschaft erzählt, sagt sie zu ihm: “Ihr seid vielleicht Helden. Große Worte könnt ihr machen, aber keine Taten. Was meinst du, was Neptun dazu sagt?“ Am anderen Morgen fährt der Fischer wieder zum Fischen aufs Meer. Es weht ein kräftiger Wind, die See ist mit weißen Schaumkronen bedeckt. Der bedeckte Himmel lässt das Wasser in seinem Spiegelbild grau und dunkel erscheinen. Nachdem er seine Netze ausgelegt hat, kommt er wieder zur Ruhe.

Nachdem er eingeknickt ist, erscheint wieder Neptun mit einem bösen Gesicht: “Das war gestern kein großer Erfolg, den ihr in eurer Versammlung erreicht habt.“ Der Fischer sieht ihn verzweifelt an und stammelt: “Die Kollegen haben Angst, dass ihnen die Genossenschaft ihre Fische nicht mehr abnimmt.“ Neptun wird zornig: “Warum hast du deinem Kollegen Kalle nicht geholfen? Wenn keiner bereit ist, seine Angst zu überwinden, werdet ihr es nie schaffen, die Welt zum Besseren zu verändern. Wenn die Menschen weiterhin die Natur zerstören, dann wird sich die Natur rächen. Du wirst nicht mehr in deiner Kate wohnen, sondern in einem dunklen Erdloch, weil die Sonne euch die Haut vom Leibe brennen wird. Im Meer wird es keine Fische geben und auf den Feldern werdet ihr keine Früchte ernten können und ihr werdet nichts zum Essen haben. Das Wasser wird so verschmutzt sein, dass ihr es nicht mehr trinken könnt. Ihr werdet verhungern und Verdursten. Es wird ein fürchterliches Ende mit euch Menschen nehmen. Fahr zurück zu deiner Frau, sie wird dir die ersten Anzeichen der Katastrophe erzählen.” Der Fischer wacht mit einem fürchterlichen Schrecken auf. Sein Netz hat sich am Grund an einem Hindernis verfangen. Er holt sein Netz ein und sieht, dass es zerrissen ist. Er fährt zu seiner Frau zurück. Seine Frau kommt ihm schon entgegen und sagt: “Du, wir haben kein Wasser mehr. Aus unserem Brunnen kommt nur noch eine stinkende Brühe.“ Der Fischer sieht seine Frau traurig an und fasst einen Entschluss...
G.P.
1994 für die Zeitschrift Gegenwind
Am Strand in einem kleinen Ort an der Ostsee steht eine alte mit Stroh gedeckte Fischerkate. Im Sand einer Düne stehen noch Pfähle, an denen der Fischer seine Netze zum Trocknen aufgehängt hat. Vor der Tür steht eine Bank von der man bei schönem Wetter den abendlichen Sonnenuntergang beobachten kann. Bei einem Spaziergang am Abend kommen wir an der Bank vorbei. Wir setzen uns, um das Schauspiel des abendlichen Naturtheaters zu beobachten. Die Sonne, die als roter Ball langsam hinter den Horizont versinkt, färbt den Himmel von blass rosa über purpur und dunkelrot zu einem verzauberten Szenario. Das Wasser der Ostsee verwandelt sich im Spiegelbild des Sonnenlichts scheinbar zu einem Meer aus Gold. Mir fällt bei diesem Hintergrund die Geschichte von dem Fischer und seiner Frau ein. Ein verzauberter Fisch, den der Fischer gefangen, dann aber wieder frei gegeben hat, erfüllt ihm seine Wünsche. Der Ehrgeiz und die Habsucht seiner Frau bringen den Fischer dazu, von dem verzauberten Fisch immer wieder neue Forderungen abzuverlangen, bis die beiden, der Fischer und seine Frau, denn doch wieder in ihrer alten Fischerkate sitzen. Dieses Märchen kann heute anders erzählt werden.
Der Fischer sitzt auf der Bank vor seiner Kate und raucht seine Pfeife, er sieht, wie der Himmel das Wasser in das abendliche Gold verwandelt. “Schön wäre es, wenn ich mit meinen Netzen dieses Gold einfangen könnte“, sagt er zu seiner Frau. “Du träumst“, erwidert ihm spöttisch seine Frau. Im abendlichen Gegenlicht erscheint die Landschaft mit ihren Bäumen, Büschen und Tieren nur in Silhouetten und Konturen. Dem Fischer kommt es vor, als stehe am Ufer der Ostsee eine riesige Gestalt, die auf das flüssige Gold zeigt. Der Wind flüstert ihm mit den raschelnden Blättern der Bäume zu: “Hol es dir.“
Früh am anderen Morgen fährt er mit seinem alten Kutter zum Fische fangen aufs Meer, wie jeden Tag. Der Himmel ist wolkenverhangen, es regnet. Er legt seine Netze aus. Der Wind bläst ihm kalt ins Gesicht. “Wenn jetzt Gold in meinem Netz wäre“, denkt er beim Einziehen seines Netzes. Plötzlich zerrt es an seinem Netz. Hat sich ein Wal sich in seinem Netz verfangen und kämpft um seine Freiheit? Ein Wal ist zu groß, um vom Fischer gefangen zu werden. Bei dem Versuch, das Netz zu bergen, bekommt er einen Schlag an den Kopf. Er fällt besinnungslos auf das Deck seines Fischkutters.
Im Traum begegnet er Neptun. Der drückt ihn mit seinem Dreizack auf das Deck seines Bootes. Neptun schreit ihn an: “Was macht ihr Menschen mit uns?“ Der Fischer stammelt nur: “Ich wollte doch nur ein paar Fische fangen, damit meine Frau und ich etwas zum Essen haben. Es sind ja ohnehin nicht mehr viele Fische in unserer Bucht.“ Neptun schaut ihn böse an: “Eure Bucht, euer Meer, eure Welt! Ja glaubt ihr denn, alles, was ihr seht, gehört euch alleine? Alle Schätze dieser Welt nehmt ihr euch und zerstört dabei die Grundlagen für das Leben auf dieser Welt.“ Neptun nimmt den Dreizack von seiner Brust: “Dein guter Wille, mich vom Netz zu befreien, bringt mich dazu, dir dein Leben zurückzugeben.“
Der Fischer wacht auf, er liegt auf dem Deck seines Kutters, der führungslos auf den Wellen schaukelt. In dem zerrissenen Netz zappeln ein paar Fische, es reicht gerade für ein Abendessen mit seiner Frau. Er sammelt die Fische ein und verstaut das Netz. Da das Netz zerrissen ist, kehrt er mit dem geringen Fang zurück.
Während des Abendessens erzählt er seiner Frau von seinem Unglück und von seinem Traum. “Na ja“, sagt seine Frau, “es ist ja auch wahr, was Neptun dir da gesagt hat. Dass immer weniger Fische in der Bucht sind, muss ja auch Gründe haben. Wenn du morgen wieder zum Fische fangen hinaus fährst, frag Neptun, was wir tun sollen, damit in der Bucht wieder mehr Fische leben können.“
Am nächsten Morgen fährt er wieder aufs Meer. Das Wetter ist etwas freundlicher als am Tag zuvor. Er legt seine Netze aus. Einige Zeit später kommt ein hässliches, graues Boot der Bundesmarine längsseits. “Hallo, ist da jemand an Bord?“ tönt es vom Marineboot zum Kutter hinüber. “Ja, was gibt es?“ fragt der Fischer. “Wir haben gestern ein Versuchstorpedo verloren. Es könnte sein, dass es sich in Ihrem Netz verfangen hat und dann auf Grund gesunken ist. Haben Sie etwas bemerkt?“ fragt die Stimme vom Marineboot. Der Fischer wird angesichts der Frage ärgerlich. Er antwortet: “Das verdammte Ding hat mir mein Netz zerrissen, und bei der Bergung habe ich einen Schlag an den Kopf bekommen, so dass ich einige Zeit besinnungslos an Deck gelegen habe. Wer bezahlt mir eigentlich den Schaden? Es war hier ganz in der Nähe, vielleicht hundert Meter weiter zum Ufer.“ Vom grauen Boot der Marine antwortet die Stimme: “Innerhalb des mit den Warntonnen gekennzeichneten Gebietes dürfen Sie keine Fischnetze auslegen. Es gehört zur Torpedoversuchsanlage der Bundeswehr. Eine Entschädigung können Sie nicht erwarten. Im Gegenteil, es könnte sein, dass noch Forderungen der Bundeswehr wegen der gestrigen Störung auf Sie zukommen.”
Der Fischer zieht ärgerlich sein Netz an Bord und fährt zu einem anderen Fanggrund. Er legt erneut sein Netz aus. Sitzend auf einem Schemel schläft er ein. Im Traum erscheint Neptun wieder. Neptun ist ihm etwas besser gesonnen als am Tag zuvor: “Was treibt dich in dieses Gebiet, hier habe ich dich noch nie gesehen?“ – “Man hat mich vertrieben aus dem Gebiet, in dem schon mein Vater und mein Großvater gefischt haben,“ klagt der Fischer. “Die Marine hat dort eine Versuchsanlage für Torpedos eingerichtet. Die Fische sind offenbar auch vertrieben worden. Von meiner Frau soll ich fragen, was wir machen müssen, damit wieder mehr Fische in das Meer kommen.“

Neptun stößt mit seinem Dreizack vor sich in die Luft: “Ihr Menschen seid vernunftbegabte Wesen. Die Einsicht über die Beschaffenheit der Welt hat euch ermöglicht, die Welt zu verändern. Diese Einsicht ermöglicht euch auch, die Welt so zu gestalten, dass alles Leben auf der Erden erhalten bleibt und alle Lebewesen ihrer Art entsprechend leben können. Ihr müsst euch wehren gegen die Dummheit der machtbesessenen Menschen.“
Der Fischer macht ein ängstliches Gesicht und fragt: “Aber wie? Die Politiker, die unsere Gesetze machen, sind verbündet mit den Bank- und Konzernmanagern, sie haben die Macht.“ Neptun sieht ihn böse an: “Die Macht, die Welt nach ihrem Willen zu verändern, haben sie sich einfach genommen. Die Menschen müssen lernen, die Welt vernünftig zu gestalten. Die Interessen habgieriger und machtbesessener Menschen dürfen nicht länger die Welt zerstören“, antwortet Neptun dem Fischer und taucht ab in sein Reich.
Als der Fischer erwacht, holt er sein Netz ein. Die Fische werden geschlachtet und in die mit Eis gefüllten Fischkisten gelegt. Der Fischer fährt zurück zu seiner Frau. Zu Hause werden die Fische für den Verkauf vorbereitet. Bei der Arbeit erzählt er seiner Frau, was Neptun ihm gesagt hat.
“Wenn du zur Genossenschaft fährst, um die Fische zu verkaufen, triffst du dort viele Kollegen. Erzähle ihnen doch einfach deinen Traum von Neptun“, schlägt seine Frau vor. Dem Fischer gefällt der Vorschlag nicht: “Die lachen mich sicherlich aus. Außerdem gibt es doch genug Ärger mit unserer Genossenschaft, wir haben sicher nur Nachteile, wenn wir uns gegen den Genossenschaftsvorstand auflehnen. Du weißt doch, dass die großen Verkaufsketten unserem Vorstand schon einmal gedroht haben, sie würden die Fische woanders kaufen, wenn wir Forderungen stellen.“
Dem Fischer ist überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken, seinen Kollegen die Geschichte von Neptun zu erzählen. Seine Frau macht ein zorniges Gesicht und sagt zu ihm: “Wenn du nicht bereit bist, dich mit deinen Kollegen für eure Interessen einzusetzen, dann werden sich die Verhältnisse nie zum Besseren verändern.“
Als der Fischer in der Geschäftsstelle der Genossenschaft ankommt, ist dort eine heftige Diskussion im Gange. Die Fischer sind empört. Die Fangerlöse sollen, wegen der angeblich schlechten Qualität der Fische, gekürzt werden. “Auf der einen Seite wird nichts unternommen gegen die Verschmutzung der Meere, die ja die Ursache der schlechteren Qualität der Fische ist, auf der anderen Seite sollen wir die Folgen tragen“, sagt ein Kollege des Fischers, der ganz in seiner Nähe steht.
Der Fischer wirft seine Bedenken über Bord und erzählt seinen Kollegen seinen Traum. Die Kollegen des Fischers haben aufmerksam der Erzählung des Fischers zugehört. Am Ende finden alle die Forderung von Neptun richtig. “Wir gründen eine Bürgerinitiative gegen die Verschmutzung der Meere“, ruft einer aus der Menge. Ein anderer ruft: “Wir müssen aber auch die großen Konzerne, die riesige Gewinne machen, dazu zwingen, dass sie sich an unseren Verlusten beteiligen. Außerdem sollen sie den Schaden, den sie in der Natur angerichtet haben und immer noch anrichten, beseitigen.“
Ein großes Gelächter erfüllt den Raum: “Kalle, wie willst du die großen Konzerne zu etwas zwingen? Sie haben mit ihrem vielen Geld die Möglichkeit, jede Initiative von uns zu unterdrücken“, antworten einige skeptische Fischer. Kalle entgegnet: “Mit Geld kannst du nur etwas kaufen. Wir haben ihnen bisher nicht nur unsere Fische verkauft, sondern wir haben, ohne dass wir es merkten, uns selber mit verkauft. Das muss aufhören.“
Nachdenkliche Gesichter schauen ihn an. “Wie meinst du das: wir haben uns mit verkauft?“ Kalle macht ein nachdenkliches Gesicht: “Ja, wie ist das eigentlich so gekommen, dass wir uns ausgeliefert haben? Früher haben wir unsere Fische selber auf den Wochenmärkten oder an Fischgeschäfte verkauft. Dann kamen die Fischfabriken und die großen Handelsketten, die immer größere Mengen Fische kauften, die wir einzelnen Fischer ihnen nicht mehr liefern konnten. Wir haben Genossenschaften gegründet, um unsere Fänge gemeinsam zu verkaufen. Mit dem Geld, das sie mit dem von uns gefangenen Fisch verdienten, konnten sie Reedereien gründen, die mit großen Fischdampfern wesentlich mehr Fische fangen konnten als wir mit unseren Kuttern. Mit der Zeit wurden die Fischbestände durch den Raubbau im Meer immer geringer und wir konnten nicht mehr so viele Fische fangen, um uns damit zu ernähren. Viele Fischer mussten aufgeben und fuhren auf den Fischdampfern zum Fischen.“
Ein älterer Mann, der mit Interesse die Diskussion angehört hatte, mischt sich in das Gespräch ein: “So ähnlich ging es uns kleinen Bauern auch. Um unsere Ernteerträge zu steigern, mussten wir von der chemischen Industrie teure Düngemittel und teures Saatgut kaufen und teure Maschinen kamen hinzu. Um das alles zu bezahlen, wurden Schulden gemacht und Ernten verkauft, die noch auf dem Halm standen. Viele Bauern mussten aufgeben und Haus und Hof verkaufen. Die Industrie wurde immer größer, die reichen Gutsbesitzer und Großbauern profitierten von unserem Elend und kauften unser Land. Die kleinen Bauern und Hilfskräfte in der Landwirtschaft hatten wegen der Industrialisierung in der Landwirtschaft keine Arbeit mehr. Sie müssen ihr Geld in den großen Industriebetrieben verdienen.“
Ein Arbeiter, der in der Nähe eine Maschine repariert, stellt sich zu der Diskussionsgruppe und sagt: “Wir Arbeiter mussten schon immer mit unserer Arbeitskraft auch uns selbst an die reichen Fabrikbesitzer verkaufen. Sie bestimmen, wie lange wir arbeiten, unter welchen Bedingungen wir arbeiten, welchen Lohn wir für unsere Arbeit bekommen und welche Güter mit unserer Arbeit erzeugt werden. Wir haben uns in Gewerkschaften zusammengeschlossen, um gemeinsam unsere Interessen zu vertreten. Aber wir haben dabei nur erreicht, dass unsere Löhne ab und zu erhöht und unsere Arbeitsbedingungen verbessert wurden, leider gibt es in unserer Gewerkschaft auch so etwas wie Korruption, und so sind die Kämpfe um richtige Mitbestimmung gescheitert. So müssen wir weiterhin Waffen, giftige Düngemittel und die Umwelt belastende Dinge herstellen.“
Kalle meldet sich zu Wort: “Kollegen, wir müssen einen Aufruf zu einer großen Versammlung veröffentlichen. Damit wir uns in einer Initiative organisieren.“ Das allgemeine Interesse ist wieder erloschen. Die Kollegen gehen auseinander, die Versammlung löst sich auf. Auch unser Fischer fährt zurück zu seiner Frau. Als der Fischer seiner Frau von dem Ereignis bei der Geschäftsstelle der Genossenschaft erzählt, sagt sie zu ihm: “Ihr seid vielleicht Helden. Große Worte könnt ihr machen, aber keine Taten. Was meinst du, was Neptun dazu sagt?“ Am anderen Morgen fährt der Fischer wieder zum Fischen aufs Meer. Es weht ein kräftiger Wind, die See ist mit weißen Schaumkronen bedeckt. Der bedeckte Himmel lässt das Wasser in seinem Spiegelbild grau und dunkel erscheinen. Nachdem er seine Netze ausgelegt hat, kommt er wieder zur Ruhe.

Nachdem er eingeknickt ist, erscheint wieder Neptun mit einem bösen Gesicht: “Das war gestern kein großer Erfolg, den ihr in eurer Versammlung erreicht habt.“ Der Fischer sieht ihn verzweifelt an und stammelt: “Die Kollegen haben Angst, dass ihnen die Genossenschaft ihre Fische nicht mehr abnimmt.“ Neptun wird zornig: “Warum hast du deinem Kollegen Kalle nicht geholfen? Wenn keiner bereit ist, seine Angst zu überwinden, werdet ihr es nie schaffen, die Welt zum Besseren zu verändern. Wenn die Menschen weiterhin die Natur zerstören, dann wird sich die Natur rächen. Du wirst nicht mehr in deiner Kate wohnen, sondern in einem dunklen Erdloch, weil die Sonne euch die Haut vom Leibe brennen wird. Im Meer wird es keine Fische geben und auf den Feldern werdet ihr keine Früchte ernten können und ihr werdet nichts zum Essen haben. Das Wasser wird so verschmutzt sein, dass ihr es nicht mehr trinken könnt. Ihr werdet verhungern und Verdursten. Es wird ein fürchterliches Ende mit euch Menschen nehmen. Fahr zurück zu deiner Frau, sie wird dir die ersten Anzeichen der Katastrophe erzählen.” Der Fischer wacht mit einem fürchterlichen Schrecken auf. Sein Netz hat sich am Grund an einem Hindernis verfangen. Er holt sein Netz ein und sieht, dass es zerrissen ist. Er fährt zu seiner Frau zurück. Seine Frau kommt ihm schon entgegen und sagt: “Du, wir haben kein Wasser mehr. Aus unserem Brunnen kommt nur noch eine stinkende Brühe.“ Der Fischer sieht seine Frau traurig an und fasst einen Entschluss...
G.P.
1994 für die Zeitschrift Gegenwind
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