Samstag, 8. Januar 2011
Für das Menschsein unverzichtbar
gelopo, 12:56h
Von Gerhard Armanski Neues Deutschland vom 08.01.2011 / Geschichte
Der Professor für Soziologie ist zugleich evangelischer Prädikant
Für das Menschsein unverzichtbar
Legitimität (und Janusköpfigkeit) der Utopie – oder: die Idee des Kommunismus
Seit uns Menschen fassbar sind, hegen sie Utopien. Das sind nach vorne gerichtete Entwürfe zum Besseren hin. Wir finden sie in den üppigen Frauenfiguren der Altsteinzeit, bei Isis und Osiris, Plato, Pythagoras, Augustinus, um nur einige zu nennen. Ein großer Teil der Weltliteratur enthält deutliche utopische Anteile. »Alles nämlich, was in der Zeit lebt, wandert in der Gegenwart, aus der Vergangenheit kommend, in die Zukunft.« (Boethius, 6.Jh. n. Chr.)
Utopie ist Kritik an vergangenen oder gegenwärtigen Zuständen und der Wurf unabgegoltenen Wünschens nach vorn. Wenn wir von »U-topos« als einen »Ort Nirgendwo« reden, ist damit nicht ein Wolkenkuckucksheim gemeint. Vielmehr soll das seit Thomas Morus heißen, dass es ihn (vielleicht) irgendwann gegeben hat und (vielleicht) irgendwo und irgendwann geben wird.
Ich gehe mit Camus davon aus, »dass die Kunst und die Revolte erst mit dem letzten Menschen sterben«. Sein beißend humanes Werk »Die Pest« handelt genau davon. Utopie ist also keine müßige Spielerei, sondern für das Menschsein unverzichtbar. Näherhin weist sie eine Stammgeschichte von den römischen Visionen eines goldenen Zeitalters über christliche Erlösungsbewegungen im Mittelalter bis eben zum Namensgeber Morus auf. Danach blühte die Art erst richtig auf. Christliche Utopien, der Jesuitenstaat in Paraguay, ideale Staatsbilder und sozialistische Entwürfe im 18./19. Jahrhundert bis zu Fourier, Proudhon und Weitling legen davon eindrücklich Zeugnis ab. Die radikalste Form der Utopie ist übrigens nicht der Kommunismus, sondern das Christentum, das Leiden und die befreiende Heils-Tat Jesu. »Die Fürsten halten ihre Völker nieder, und die Mächtigen tun ihnen Gewalt. So soll es nicht sein unter euch ... « Daher »kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid,; ich will euch erquicken«. (Matthäus 20, 25,26; 11,28)
»Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alle Küsten aus den Augen zu verlieren«, schrieb Andre Gide. Keineswegs waren und sind Real- und Idealutopien immer heilsam und hoffnungsvoll gewesen. Die neuenglischen Puritaner entwarfen die Blaupause zur Inbesitznahme der Neuen Welt und zielten dabei in Gedanken und Tat auf die Vernichtung der ursprünglichen Einwohner – eine selbstgerechte und anmaßende Figur, die noch Bush jun. beseelte. Der Stalinismus übte eine Schreckensherrschaft über die ihm Unterworfenen aus. Samjatin, Huxley und Orwell haben das meisterhaft in ihren Dystopien (gestörten oder umgedrehten Utopien) verarbeitet. Der nordkoreanische Kommunismus stellt eine abscheuliche Versteinerung dar. Der Nationalsozialismus in seinem Grauen war letztlich eine entstellte Utopie, indem er Massensehnsüchte aufnahm und sie zum tödlichen Angriff umschmiedete. An ihm lässt sich das zwieschlächtige Wesen der Utopie trefflich untersuchen und erkennen. Nicht umsonst trug er demagogisch das Wort »Sozialismus« in seinem Namen.
Der Sozialismus ist alles andere als neu, sondern repräsentiert menschheitliche Erfahrungen von und Wünsche nach Frieden und Gerechtigkeit. Seine Ideen- und Realgeschichte weist von den Utopien der römischen Kaiserzeit über den Inka-Staat, die Commonwealth-Ideen der Neuzeit bis zur Französischen Revolution und ihren Folgen ein ungeheures und vielschichtiges Vorkommen auf.
Das Hoffen ist unabtrennbarer Bestandteil der conditio humana, der menschlichen Bedingtheit. »Schlägt dir die Hoffnung fehl, nie fehle dir das Hoffen! Ein Tor ist zugetan, doch tausend sind noch offen«, wusste Friedrich Rückert. Ein großer Teil des bahnbrechenden Werks von Ernst Bloch ist mit gutem Grund dem »Prinzip Hoffnung« gewidmet, und zwar als individuelle und gesellschaftliche Vorwärtsentwürfe. (Sein »Prinzip« ist leider auf den Wunsch geschrumpft, die Bahn möge kommen.) Die Geschichte liefert zahlreiche soziale und politische Gesellschaftsentwürfe und wird dies auch weiter tun. Denn sie ist in ihrem wesenhaften Gehalt die veränderliche Bewegung der Menschen unter bestimmten Bedingungen in Zeit und Raum. Ihre Wünsche und Verwerfungen werden weiter umtreiben. Ein befreundeter Bauer in meinem Dorf pflegt zu sagen: »Wasser hat einen spitzen Kopf.« Ich übersetze das für diesen Gegenstand so, dass es sich genau wie der Sozialismus durch die Erde gräbt, verschwindet, gurgelt und jäh herauskommen kann. Wie er dann jeweils aussieht, das ist heute allenfalls in Umrissen bekannt. Eine vorherbestimmte Geschichte gibt es nicht.
»Der Kommunismus ist keine Idee gegen die Wirklichkeit, sondern die wirkliche Bewegung, welche den bestehenden Zustand aufhebt. Seine theoretischen Sätze sind keineswegs Prinzipen, die von
diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind.« So Karl Marx. Die Idee ist geistiges Urbild und Gedanke. Ideologie will die Gesamtheit der Vorstellungen einer bestimmten sozialen Gruppe besagen. Sie ist aber nicht etwa ein falsches Ideensystem gegenüber einer richtigen Wirklichkeit, sondern vielmehr der richtige Ausdruck einer falschen Wirklichkeit. Herrschaftskritik und Umsturzgelüste sind weder neu noch ausschließlich marxistisch. Lukas fragte: »Über des Himmels Aussehen könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?« (16,3) Und gibt auch gleich aufrührerische Antwort: »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.« (19, 24) Damit drückte er aus, was der Prophet Jeremia schon Jahrhunderte vor ihm äußerte: »Wehe dem, der sein Haus mit Sünden bauet und seine Gemächer mit Unrecht, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt (etwa als Ein-Euro-Jobber, G.A.) und gibt ihm seinen Lohn nicht.« (22, 13)
Es ist wahr, unsere Gegenwart zeigt sich hartleibig gegenüber der Utopie. Nicht nur wurde sie missbraucht, sie lieferte auch augenscheinlich keine glaubhaften Gegenentwürfe zum real existierenden Kapitalismus. Nach Slavoj Zizek haben wir einen grassierenden Utopiemangel. Wir, gefangen im linearen bürgerlichen Fortschrittsmodell, können schon froh sein, wenn Gegenentwürfe zu ihm, etwa bei attac, überhaupt umgehen. Eine Gesellschaft, die sich ihr Anderes nicht vorstellen kann und will, ist aber im Kern krank.
Im Alltagsverstand wird jeder Einfall, der sich nicht dem Üblichen einpasst, verschrien. Denn »wir sind argwöhnisch, wir Menschenkinder auf Erden«, wusste Homer. Und er fügte an: »Siehe, kein Wesen ist so eitel und unbeständig als der Mensch, von allem, was lebt und webet auf Erden.« Aber er bildet den Stoff, aus dem unsere Geschichte besteht. So ist die sozialistische oder auch kommunistische Utopie nicht am Ende.
Der Professor für Soziologie ist zugleich evangelischer Prädikant
Für das Menschsein unverzichtbar
Legitimität (und Janusköpfigkeit) der Utopie – oder: die Idee des Kommunismus
Seit uns Menschen fassbar sind, hegen sie Utopien. Das sind nach vorne gerichtete Entwürfe zum Besseren hin. Wir finden sie in den üppigen Frauenfiguren der Altsteinzeit, bei Isis und Osiris, Plato, Pythagoras, Augustinus, um nur einige zu nennen. Ein großer Teil der Weltliteratur enthält deutliche utopische Anteile. »Alles nämlich, was in der Zeit lebt, wandert in der Gegenwart, aus der Vergangenheit kommend, in die Zukunft.« (Boethius, 6.Jh. n. Chr.)
Utopie ist Kritik an vergangenen oder gegenwärtigen Zuständen und der Wurf unabgegoltenen Wünschens nach vorn. Wenn wir von »U-topos« als einen »Ort Nirgendwo« reden, ist damit nicht ein Wolkenkuckucksheim gemeint. Vielmehr soll das seit Thomas Morus heißen, dass es ihn (vielleicht) irgendwann gegeben hat und (vielleicht) irgendwo und irgendwann geben wird.
Ich gehe mit Camus davon aus, »dass die Kunst und die Revolte erst mit dem letzten Menschen sterben«. Sein beißend humanes Werk »Die Pest« handelt genau davon. Utopie ist also keine müßige Spielerei, sondern für das Menschsein unverzichtbar. Näherhin weist sie eine Stammgeschichte von den römischen Visionen eines goldenen Zeitalters über christliche Erlösungsbewegungen im Mittelalter bis eben zum Namensgeber Morus auf. Danach blühte die Art erst richtig auf. Christliche Utopien, der Jesuitenstaat in Paraguay, ideale Staatsbilder und sozialistische Entwürfe im 18./19. Jahrhundert bis zu Fourier, Proudhon und Weitling legen davon eindrücklich Zeugnis ab. Die radikalste Form der Utopie ist übrigens nicht der Kommunismus, sondern das Christentum, das Leiden und die befreiende Heils-Tat Jesu. »Die Fürsten halten ihre Völker nieder, und die Mächtigen tun ihnen Gewalt. So soll es nicht sein unter euch ... « Daher »kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid,; ich will euch erquicken«. (Matthäus 20, 25,26; 11,28)
»Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alle Küsten aus den Augen zu verlieren«, schrieb Andre Gide. Keineswegs waren und sind Real- und Idealutopien immer heilsam und hoffnungsvoll gewesen. Die neuenglischen Puritaner entwarfen die Blaupause zur Inbesitznahme der Neuen Welt und zielten dabei in Gedanken und Tat auf die Vernichtung der ursprünglichen Einwohner – eine selbstgerechte und anmaßende Figur, die noch Bush jun. beseelte. Der Stalinismus übte eine Schreckensherrschaft über die ihm Unterworfenen aus. Samjatin, Huxley und Orwell haben das meisterhaft in ihren Dystopien (gestörten oder umgedrehten Utopien) verarbeitet. Der nordkoreanische Kommunismus stellt eine abscheuliche Versteinerung dar. Der Nationalsozialismus in seinem Grauen war letztlich eine entstellte Utopie, indem er Massensehnsüchte aufnahm und sie zum tödlichen Angriff umschmiedete. An ihm lässt sich das zwieschlächtige Wesen der Utopie trefflich untersuchen und erkennen. Nicht umsonst trug er demagogisch das Wort »Sozialismus« in seinem Namen.
Der Sozialismus ist alles andere als neu, sondern repräsentiert menschheitliche Erfahrungen von und Wünsche nach Frieden und Gerechtigkeit. Seine Ideen- und Realgeschichte weist von den Utopien der römischen Kaiserzeit über den Inka-Staat, die Commonwealth-Ideen der Neuzeit bis zur Französischen Revolution und ihren Folgen ein ungeheures und vielschichtiges Vorkommen auf.
Das Hoffen ist unabtrennbarer Bestandteil der conditio humana, der menschlichen Bedingtheit. »Schlägt dir die Hoffnung fehl, nie fehle dir das Hoffen! Ein Tor ist zugetan, doch tausend sind noch offen«, wusste Friedrich Rückert. Ein großer Teil des bahnbrechenden Werks von Ernst Bloch ist mit gutem Grund dem »Prinzip Hoffnung« gewidmet, und zwar als individuelle und gesellschaftliche Vorwärtsentwürfe. (Sein »Prinzip« ist leider auf den Wunsch geschrumpft, die Bahn möge kommen.) Die Geschichte liefert zahlreiche soziale und politische Gesellschaftsentwürfe und wird dies auch weiter tun. Denn sie ist in ihrem wesenhaften Gehalt die veränderliche Bewegung der Menschen unter bestimmten Bedingungen in Zeit und Raum. Ihre Wünsche und Verwerfungen werden weiter umtreiben. Ein befreundeter Bauer in meinem Dorf pflegt zu sagen: »Wasser hat einen spitzen Kopf.« Ich übersetze das für diesen Gegenstand so, dass es sich genau wie der Sozialismus durch die Erde gräbt, verschwindet, gurgelt und jäh herauskommen kann. Wie er dann jeweils aussieht, das ist heute allenfalls in Umrissen bekannt. Eine vorherbestimmte Geschichte gibt es nicht.
»Der Kommunismus ist keine Idee gegen die Wirklichkeit, sondern die wirkliche Bewegung, welche den bestehenden Zustand aufhebt. Seine theoretischen Sätze sind keineswegs Prinzipen, die von
diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind.« So Karl Marx. Die Idee ist geistiges Urbild und Gedanke. Ideologie will die Gesamtheit der Vorstellungen einer bestimmten sozialen Gruppe besagen. Sie ist aber nicht etwa ein falsches Ideensystem gegenüber einer richtigen Wirklichkeit, sondern vielmehr der richtige Ausdruck einer falschen Wirklichkeit. Herrschaftskritik und Umsturzgelüste sind weder neu noch ausschließlich marxistisch. Lukas fragte: »Über des Himmels Aussehen könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?« (16,3) Und gibt auch gleich aufrührerische Antwort: »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.« (19, 24) Damit drückte er aus, was der Prophet Jeremia schon Jahrhunderte vor ihm äußerte: »Wehe dem, der sein Haus mit Sünden bauet und seine Gemächer mit Unrecht, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt (etwa als Ein-Euro-Jobber, G.A.) und gibt ihm seinen Lohn nicht.« (22, 13)
Es ist wahr, unsere Gegenwart zeigt sich hartleibig gegenüber der Utopie. Nicht nur wurde sie missbraucht, sie lieferte auch augenscheinlich keine glaubhaften Gegenentwürfe zum real existierenden Kapitalismus. Nach Slavoj Zizek haben wir einen grassierenden Utopiemangel. Wir, gefangen im linearen bürgerlichen Fortschrittsmodell, können schon froh sein, wenn Gegenentwürfe zu ihm, etwa bei attac, überhaupt umgehen. Eine Gesellschaft, die sich ihr Anderes nicht vorstellen kann und will, ist aber im Kern krank.
Im Alltagsverstand wird jeder Einfall, der sich nicht dem Üblichen einpasst, verschrien. Denn »wir sind argwöhnisch, wir Menschenkinder auf Erden«, wusste Homer. Und er fügte an: »Siehe, kein Wesen ist so eitel und unbeständig als der Mensch, von allem, was lebt und webet auf Erden.« Aber er bildet den Stoff, aus dem unsere Geschichte besteht. So ist die sozialistische oder auch kommunistische Utopie nicht am Ende.
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